Leseproben


Meisterturm-Aussicht auf Mord

Vorraussichtliche Veröffentlichung Ende 2026


Die Hitze lag schwer über dem Gelände rund um den Meisterturm, selbst im Schatten der Bäume wirkte die Luft warm und träge, als würde sie jede Bewegung verlangsamen. Vom Ausflugslokal her klirrten Gläser, irgendwo lachte jemand laut, und eine Stimme rief nach zwei Apfelschorlen, während sich alles wie ein ganz normaler Sommertag anfühlte, einer von denen, die einfach vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Zwei Kinder spielten in der Nähe des etwa dreißig Meter hohen Aussichtsturms, der neben dem Ausflugslokal stand. Einer von ihnen hockte im Staub und zog mit dem Finger eine Linie, konzentriert, fast versunken in seine eigene kleine Welt, während der andere danebenstand und ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat, weil er längst wieder losrennen wollte.
"Jetzt bist du aber dran", sagte er und stieß leicht gegen den Schuh seines Bruders, während ein schiefes Grinsen über sein Gesicht huschte und sein Blick bereits wieder nach oben wanderte, dorthin, wo sich Menschen an das Geländer lehnten und die Aussicht bis zur Frankfurter Skyline genossen.
Der andere sah kurz hoch, blinzelte gegen das grelle Licht, und in genau diesem Moment veränderte sich etwas in ihm. Es war kein klarer Gedanke, kein bewusstes Erkennen, eher ein Gefühl, das ihn traf, bevor er es greifen konnte. Sein Blick blieb hängen, seine Stirn zog sich leicht zusammen, und langsam richtete er sich auf, ohne zu wissen, warum.
"Da…", brachte er hervor, während sich seine Finger unruhig aneinander pressten und seine Augen sich nicht mehr von dem Punkt lösen konnten.
Mehr kam nicht über seine Lippen, denn im selben Augenblick löste sich etwas von oben, fiel und schlug direkt vor ihnen auf, so nah, dass der Staub aufwirbelte und er instinktiv zurückzuckte. Der Junge machte einen Schritt nach hinten, stolperte beinahe und griff nach dem Arm seines Bruders, während sich sein Blick an dem festklammerte, was jetzt vor ihnen lag. Er verstand nicht, was er sah, aber sein Körper reagierte längst darauf, und ein kaltes, leeres Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.
"Der…", setzte er erneut an, seine Stimme jetzt leiser, vorsichtiger, als könnte das, was dort lag, ihn hören. "Der bewegt sich gar nicht…"
Der Jüngere schluckte, sah erst zum Turm hinauf und dann wieder auf den Mann am Boden, und etwas in seinem Gesicht veränderte sich, das Unbeschwerte wich einer Schwere, die nicht zu ihm passte.
"Der liegt ganz komisch da…", sagte er, und seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren. "Ich glaub… ich glaub, der ist kaputt…"
Für einen Moment standen sie einfach nur da, unfähig, sich zu bewegen, weil dieses Bild nicht in ihre Welt passte. Dann zog der eine stärker am Arm des anderen, als hätte er sich erst jetzt daran erinnert, was man tun musste.
"Komm, wir gehen zur Mama", sagte er hastig, und die Angst schwang deutlich in seiner Stimme mit.
Sie rannten los, schneller als zuvor, aber ohne jedes Lachen, ohne Spiel, nur noch weg von dem, was sie gesehen hatten. Ihre Schritte stolperten über den Boden, ihre Atemzüge wurden hastig, und als sie ihre Mutter erreichten, drängten sie sich dicht an sie, als könnten sie sich in ihr verstecken. Der eine packte sie am Arm, seine Finger kalt und fest, während er zu ihr aufsah und seine Stimme sich überschlug.
"Mama, da ist ein Mann vom Himmel gefallen!"
Der andere nickte heftig, zog an ihrem Shirt und rang sichtlich mit den Worten, während seine Augen noch immer vor Schreck geweitet waren.
"Der liegt ganz komisch da… Mama, ich glaub, der ist kaputt…"
Sie sah von einem zum anderen, erst irritiert, dann wach, weil sie das Zittern in ihren Händen spürte und die Angst in ihren Augen sah, die sich nicht einfach wegwischen ließ. Langsam stellte sie das Glas neben sich ab, ohne hinzusehen, und legte ihre Hände um die Schultern der beiden, als wolle sie sie festhalten.
"Was ist passiert?", fragte sie leiser, als sie wollte, während sich in ihr dieses ungute Gefühl ausbreitete, das sich nicht mehr ignorieren ließ.
Der Junge hob den Arm und zeigte zurück, seine Hand zitterte leicht.
"Da… beim Turm…"
Sie folgte seinem Blick, und noch bevor sie wirklich sah, wusste sie, dass sie gleich etwas sehen würde, das sich nicht mehr aus ihrem Kopf lösen ließ.

Die Hitze hing noch immer zwischen den Bäumen rund um den Meisterturm, doch sie hatte ihre Schärfe verloren und lag nun schwer auf dem abgesperrten Gelände, als Kommissar Reuter den Wagen am Rand des Waldwegs stoppte und ausstieg. Schon beim Näherkommen spürte er die gespannte Unruhe, die sich über die Lichtung gelegt hatte, während Stimmen gedämpft durcheinanderliefen und immer wieder verstummten, sobald jemand zur Leiche hinüberblickte.
"Immer diese Gaffer", murmelte Mark Reuter und schob sich mit festem Schritt durch die Menschen, die nur widerwillig auseinanderwichen, während sein Blick bereits suchend über die Szenerie glitt.
"Polizei. Bitte treten Sie zurück und halten Sie Abstand", sagte ein uniformierter Beamter, der ihm entgegentrat, bemüht ruhig, doch in seinem Blick lag noch das Flackern eines Einsatzes, der zu schnell zu ernst geworden war.
"Herr Kommissar, der Bereich ist gesichert, der Arzt hat den Tod festgestellt", fügte er hinzu und richtete sich unbewusst etwas auf, als würde er sich an dieser Klarheit festhalten.
Reuter nickte knapp, ohne stehen zu bleiben, duckte sich unter dem Absperrband hindurch und ließ den Blick über den Boden gleiten, der von zahlreichen Schuhspuren durchzogen war. Jeder Abdruck erzählte davon, wie viele Menschen sich hier bewegt hatten, bevor Ordnung in das Chaos gebracht worden war. Er ging weiter, bis sich der Wald öffnete und die Lichtung freigab, und in dem Moment, in dem er den Körper sah, verlangsamte sich sein Schritt, als würde etwas in ihm instinktiv Abstand einfordern.
Der Mann lag verdreht am Boden, die Haltung so unnatürlich, dass sie keinen Zweifel an der Wucht des Sturzes ließ, und dennoch wirkte das Bild nicht wie eine klare Antwort, sondern eher wie eine Frage, die sich nicht sofort stellen ließ. Reuter blieb stehen, verschränkte die Arme locker vor dem Körper und hob den Blick zum Turm, dessen Plattform ruhig zwischen den Baumkronen lag, als gehöre sie weiterhin zu einem Ort, an dem Menschen stehen, lachen und den Ausblick genießen.
"Identität?", fragte er ruhig, ohne den Blick vom Turm zu lösen.
Der Beamte schüttelte den Kopf.
"Keine Papiere, Herr Kommissar. Nichts bei ihm gefunden."
Reuter nickte kaum merklich, ließ den Blick wieder sinken und trat näher an die Leiche heran. Er ging in die Hocke, ohne sie zu berühren, und prüfte Kleidung, Hände und Lage des Körpers, als würde er in der stillen Anordnung nach einem Bruch suchen, der sich nicht sofort zeigte.
Hinter ihm knackte ein Ast, dann hörte er Schritte, die unsicher näherkamen, langsamer wurden und schließlich stehen blieben. Reuter richtete sich auf und drehte sich um. Ein Mann mittleren Alters stand am Rand der Absperrung, die Hände unruhig ineinander verschränkt, der Blick immer wieder zur Leiche wandernd, als würde er hoffen, sich zu irren. Ein Beamter hielt sich leicht hinter ihm, bereit einzugreifen.
"Das ist der Wirt vom Turm", sagte der Beamte leise.
Reuter trat ein paar Schritte auf ihn zu, blieb jedoch in einer Distanz stehen, die dem Mann Raum ließ.
"Sie wollten etwas sagen?", fragte er ruhig.
Der Wirt schluckte sichtbar, seine Finger krallten sich ineinander, als müsste er sich festhalten.
"Das… das ist doch der Keller", sagte er leise, während seine Stimme zwischen Unsicherheit und aufkommender Gewissheit schwankte. "Siegfried Keller. Ich kenne den. Der war oft hier oben."
Reuter beobachtete ihn genau, achtete auf jedes Zögern, jede kleine Veränderung in seinem Gesicht.
"Woher kennen Sie ihn genau?"
Der Wirt atmete tief ein, als müsste er seine Gedanken ordnen.
"Vom Turm. Der kommt immer mal wieder, trinkt oben einen Kaffee, schaut sich die Aussicht an. Kein schwieriger Mensch, eher ruhig. Man kommt ins Gespräch, wenn nicht viel los ist."
Sein Blick glitt erneut zur Leiche, und für einen Moment wirkte es, als würde dieses Bild nicht zu seinen Worten passen.
"Ich hab ihn erst gestern gesehen", fuhr er fort, und seine Stimme gewann an Festigkeit, als würde er sich an dieser Erinnerung festhalten. "Im Chinon Center. Ganz normal. Wir haben geredet, über das Wetter, über die Leute, die wieder mehr rausgehen. Nichts Besonderes."
Reuter verschränkte langsam die Arme vor der Brust und ließ dem Mann Raum, weiterzusprechen.
"Hat er irgendetwas gesagt, das ungewöhnlich war?"
Der Wirt schüttelte sofort den Kopf, fast zu schnell.
"Nein. Gar nichts. Der war…" Er stockte, suchte nach Worten. "Der war ganz normal. Nicht wie jemand, der…"
Sein Blick rutschte erneut zur Leiche.
"…der sich hier runterstürzt."
Reuter nickte langsam, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
"Sind Ihnen in letzter Zeit Veränderungen aufgefallen?"
Der Wirt dachte kurz nach, seine Finger lösten sich voneinander, nur um sich gleich wieder zu verschränken.
"Nein. Wenn ich ehrlich bin, gar nicht. Der war wie immer. Hat gelacht, ganz normal geredet. Wenn mir da irgendwas komisch vorgekommen wäre…"
Er ließ den Satz offen und schüttelte leicht den Kopf, als würde er selbst nicht verstehen, wie dieses Bild hier zu dem passte, das er noch am Vortag gesehen hatte.
Reuter ließ einen Moment verstreichen.
"Gut", sagte er schließlich ruhig. "Bleiben Sie bitte noch hier. Wir werden Ihre Aussage aufnehmen."
Der Wirt nickte, doch sein Blick kehrte immer wieder zur Leiche zurück.
Reuter wandte sich ab, ließ den Blick über die Szene gleiten und spürte, wie sich in ihm der Gedanke festsetzte, dass dieser Fall nicht mit einem einfachen Sprung erklärt werden konnte.

Das Summen der Neonröhren lag wie ein gleichmäßiger Teppich über dem Flur der Polizeidienststelle Hofheim, während Reuter sich an seinen Schreibtisch setzte und die Daten in das System eingab, die er vom Wirt erhalten hatte. Der Name erschien nach wenigen Sekunden auf dem Bildschirm, nüchtern, sachlich, reduziert auf das, was von einem Leben übrig blieb, wenn man es in Felder und Zeilen presste: Siegfried Reimer, wohnhaft in Hofheim, keine Auffälligkeiten, keine offenen Verfahren, nichts, das sofort ins Auge sprang. Reuter lehnte sich leicht zurück, ließ den Blick einen Moment auf den Daten ruhen, als würde er erwarten, dass sich zwischen den nüchternen Angaben doch noch etwas verbarg, das mehr erklärte als nur die Tatsache, dass dieser Mann existiert hatte. Er war Ende Dreißig, mit einem Gesicht, das die Jahre nicht verborgen, sondern ruhig angenommen hatte, und einem Blick, der selten hektisch wurde, weil er gelernt hatte, dass die meisten Antworten nicht schneller kamen, nur weil man sie drängte. Vor wenigen Monaten war er von Wiesbaden nach Hofheim versetzt worden, eine Entscheidung, die zunächst wie ein beruflicher Schritt gewirkt hatte, sich aber leise zu etwas Persönlicherem entwickelt hatte, seit er mit seiner Frau in die Doppelhaushälfte am Kapellenberg gezogen war, wo die Abende ruhiger waren und die Altstadt mit ihren engen Gassen und alten Fassaden eine Wärme ausstrahlte, die sich nicht aufdrängte, sondern langsam festsetzte. Hofheim hatte ihn nicht überwältigt, es hatte ihn eingenommen, Stück für Stück, ohne dass er es bewusst bemerkt hatte. Sein Blick wanderte zurück auf den Bildschirm, auf die Adresse, die nun neben dem Namen stand, und er griff nach dem Autoschlüssel, ohne weiter zu zögern, weil es Momente gab, in denen man nicht länger am Schreibtisch saß, sondern hinausging, um das zu sehen, was sich nicht in Daten erfassen ließ. Das Mehrfamilienhaus lag in einer ruhigen Straße, ein typischer Bau der HWB, funktional, gepflegt, ohne Besonderheiten, die es aus der Reihe fallen ließen. Ein Ort, an dem Leben stattfand, ohne dass es sich nach außen drängte, und genau deshalb wirkte es fast unwirklich, dass sich hinter einer dieser Türen gerade alles verändert hatte. Reuter stieg aus, sah einen Moment nach oben zu den Fenstern, hinter denen sich Gardinen bewegten, als hätten sich die Bewohner bereits gegenseitig informiert, dass die Polizei vor der Tür stand, und ging dann auf den Eingang zu, dessen Klingelschild den Namen bestätigte, den er eben noch auf dem Bildschirm gesehen hatte. Als die Tür sich öffnete, dauerte es einen Sekundenbruchteil, bis sich das Gesicht der Frau vor ihm veränderte. Zuerst war da nur die vorsichtige Frage, wer da vor ihr stand, dann erkannte sie die Uniform, und etwas in ihr brach, noch bevor ein Wort gefallen war. Ihre Hand klammerte sich an den Türrahmen, als würde dieser ihr Halt geben, während ihre Augen sich weiteten und sofort begannen, etwas zu suchen, das nicht mehr zu finden war.
"Nein", sagte sie leise, während ihre Hand sich am Türrahmen festklammerte und ihre Augen sofort begannen, etwas zu suchen, das nicht mehr zu finden war.
Reuter blieb stehen, ließ ihr diesen Moment.
"Frau Reimer?", fragte er ruhig.
Sie nickte mechanisch, ohne ihn wirklich anzusehen.
"Ihr Mann… es hat heute einen Vorfall am Meisterturm gegeben", sagte er, und obwohl die Worte ruhig gesprochen waren, trafen sie sie mit voller Wucht.
Ein erstickter Laut löste sich aus ihr, und sie wich einen Schritt zurück, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.
"Nein… das kann nicht sein", flüsterte sie, während ihre Hände suchend in der Luft verharrten.
Reuter trat einen halben Schritt näher, ohne aufdringlich zu wirken.
"Es tut mir leid", sagte er leise.
Die Frau begann zu weinen, unkontrolliert, ihr Körper zitterte, während sie sich die Hand über den Mund legte.
Reuter wartete, ließ ihr Raum, bevor er vorsichtig weitersprach.
"Ich weiß, dass das jetzt sehr viel ist, aber ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen."
Sie nickte schwach.
"War Ihr Mann in letzter Zeit krank? Gab es eine Diagnose?"
Sie schüttelte den Kopf, fast panisch.
"Nein… er war gesund. Er war doch gestern noch…"
Ihre Stimme brach.
"Hat er Anzeichen von Depressionen gezeigt?", fragte Reuter behutsam.
"Nein", flüsterte sie. "Er war ganz normal. Wirklich. Wir haben gestern noch zusammen gegessen… alles wie immer."
Reuter nickte langsam, während sich in ihm das Gefühl verstärkte, dass genau dieses "wie immer" nicht zu dem passte, was geschehen war.Reuter ließ die Worte der Frau einen Moment stehen, während ihr Blick ins Leere glitt, als würde sie sich an etwas festhalten wollen, das ihr gerade entglitt.
"Ist er heute wie immer aus dem Haus gegangen?", fragte er ruhig, während er sie aufmerksam beobachtete und jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht wahrnahm.
Sie blinzelte, suchte sichtbar in ihrer Erinnerung nach einem Halt, und ihre Finger krallten sich dabei unruhig ineinander.
"Ja", sagte sie leise. "Er ist wie immer aufgestanden, hat Kaffee gemacht… wir haben kaum gesprochen, wie jeden Morgen", fügte sie hinzu, während ihre Stimme brüchig wurde und sie den Blick senkte. "Er hat gesagt, er geht eine Runde raus. Frische Luft. So wie manchmal am Wochenende."
Reuter nickte leicht, nahm die Information auf, ohne sie zu kommentieren, und ließ den Blick kurz durch die Wohnung gleiten, bevor er sich wieder auf sie richtete.
"Hat er dabei etwas mitgenommen? Handy, Schlüssel oder etwas, das Ihnen ungewöhnlich vorkam?", fragte er weiter, ruhig und sachlich, obwohl er spürte, wie sich die Spannung in ihm langsam verdichtete.
Die Frau schüttelte zunächst den Kopf, dann hielt sie inne, als würde ihr etwas wieder einfallen.
"Sein Handy… ja, das hatte er dabei", sagte sie und hob den Blick kurz, als würde sie sich selbst vergewissern. "Und den Haustürschlüssel natürlich. Sonst nichts."
Reuter nickte kaum merklich und ließ den Blick erneut durch den Flur wandern, blieb einen Moment an einem kleinen Tisch hängen, auf dem ein zweites Paar Schuhe ordentlich nebeneinanderstand, als hätte jemand sie bewusst so platziert. Ein Detail, das nichts bewies, aber etwas über Gewohnheit und Struktur erzählte.
"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?", fragte er schließlich, während seine Stimme ruhig blieb.
"Heute Morgen, kurz vor neun", antwortete sie sofort, als hätte sich dieser Moment unauslöschlich in ihr festgesetzt. "Er hat sich noch umgedreht und…" Sie stockte, presste die Lippen aufeinander, als würde allein dieser Gedanke sie überfordern.
Reuter wartete, ließ ihr Zeit, ohne sie zu drängen.
"…hat nur gesagt, ich soll mich nicht stressen heute", flüsterte sie schließlich, und ihre Stimme verlor sich am Ende. "So sagt er das immer."
Der Satz hing zwischen ihnen, und plötzlich klang er nicht mehr beiläufig, sondern wie ein Abschied, der keiner hatte sein sollen.
Reuter nickte kaum sichtbar und spürte, wie sich das Bild weiter verdichtete, ohne klarer zu werden. Kein Bruch, kein Hinweis, kein Auslöser, der diesen Schritt erklären konnte.
"Wir werden sein Handy orten lassen", sagte er ruhig. "Und prüfen, ob es Auffälligkeiten gab. Anrufe, Nachrichten, Bewegungen."
Die Frau nickte mechanisch, als würde sie die Worte hören, ohne sie wirklich zu verarbeiten.
"Er würde das nicht tun", sagte sie leise, fast tonlos, während ihre Schultern leicht zitterten. "Er würde einfach nicht gehen."
Reuter erwiderte nichts darauf, weil jede Antwort in diesem Moment falsch gewesen wäre. Stattdessen machte er sich eine kurze Notiz, sah noch einmal zu ihr, zu dem Ort, der bis vor wenigen Stunden noch ihr gemeinsames Zuhause gewesen war, und wusste, dass dieser Fall nicht mit einem einfachen Bericht enden würde.
"Haben Sie Kinder?", fragte er nach einem kurzen Moment, in dem ihr leises Schluchzen wieder anschwoll, während er den nächsten notwendigen Schritt ging.
Die Frau hob den Blick, als hätte sie sich erst an diese Tatsache erinnern müssen, und nickte dann, während ihre Finger sich fahrig ineinander verschränkten.
"Ja… einen Sohn", sagte sie leise, und in ihrer Stimme lag etwas, das zwischen Stolz und neuer Angst schwankte. "Er wohnt hier in Hofheim… in Marxheim. Mit seiner Frau… und den Kindern."
Reuter nahm die Information auf, ohne sie zu kommentieren, blieb jedoch innerlich einen Moment daran hängen, bevor er weitersprach.
"Ich brauche bitte die Adresse", sagte er ruhig. "Und es wäre wichtig, dass Sie ihn informieren. Er sollte sich bei uns auf der Wache melden."
Die Frau nickte sofort, doch noch bevor sie sich bewegen konnte, brach das Weinen erneut aus ihr heraus, heftiger diesmal, unkontrolliert, als hätte sich die Realität endgültig durchgesetzt.
"Mein Gott…", schluchzte sie, während sie sich mit beiden Händen ins Gesicht griff. "Wie soll ich ihm das sagen…"
Reuter blieb ruhig stehen, gab ihr Raum, ohne sie allein zu lassen, und wartete, bis sie sich zumindest ein wenig gefangen hatte.
"Wo ist er jetzt?", fragte sie plötzlich, ihre Stimme dünn und brüchig, als hätte sie Angst vor der Antwort. "Wo ist mein Mann?"
Reuter atmete leise durch, bevor er antwortete, und seine Worte waren bewusst ruhig gewählt.
"Ihr Mann wird jetzt in die Rechtsmedizin gebracht", sagte er. "Es ist wichtig, dass wir klären, was genau passiert ist. Ein mögliches Fremdverschulden muss ausgeschlossen werden."
Für einen Moment wirkte es, als hätte sie ihn nicht verstanden. Dann weiteten sich ihre Augen, und Entsetzen brach sich Bahn.
"Sie schneiden ihn also auf", stieß sie hervor, und ihre Stimme kippte in etwas, das zwischen Angst und Wut schwankte. "Nein… das können Sie nicht machen…"
Reuter hob leicht die Hand, nicht abwehrend, sondern beruhigend, während sein Blick ruhig blieb.
"Ich verstehe, dass das für Sie schwer ist", sagte er leise. "Aber das gehört zum Verfahren. Wir müssen sicher sein, dass es keine andere Ursache gibt. Es ist wichtig."
Die Frau schüttelte den Kopf, immer wieder, als könne sie die Worte damit auslöschen, doch ihre Gegenwehr verlor schnell an Kraft, und schließlich blieb nur noch ein gebrochenes Schluchzen zurück.
"Was soll ich nur tun…", murmelte sie, kaum hörbar, während ihre Hände haltlos an ihrer Kleidung zogen. "Was soll ich nur tun ohne Siegfried…"
Reuter sah sie einen Moment an, ohne eine Antwort zu geben, weil es keine gab, die diesen Satz hätte auffangen können.
"Ich lasse Sie jetzt erst einmal allein", sagte er ruhig. "Rufen Sie Ihren Sohn an. Holen Sie sich Unterstützung. Ich melde mich, sobald wir mehr wissen."
Sie nickte kaum sichtbar, gefangen in ihrem Schmerz, während er sich langsam zur Tür wandte.
Als er hinaustrat, blieb die Wohnung hinter ihm zurück, erfüllt von einem Weinen, das sich nicht mehr zurückhalten ließ und den Raum füllte, als würde es alles mit sich reißen, was noch Halt gegeben hatte.